Hintergrundinformationen Projekt "Wanderwolf"

Methodik

Wo und Wann wird gefangen?

Die Entscheidung, in welchem Wolfsterritorium versucht werden soll einen Wolf zu fangen, wird anhand verschiedener Kriterien getroffen. Ganz oben auf der Liste stehen Wolfsrudel über die noch wenige Informationen vorliegen. Voraussetzung ist allerdings, dass aus dem in Frage kommenden Wolfsterritorium ausreichend aktuelle Monitoringdaten (Fährten, Kot oder Fotofallenbilder) vorliegen, damit die Forscherinnen überhaupt eine Chance haben, dort einen Wolf zu fangen. Wolfsterritorien sind sehr große Flächen (i.d.R. 150-350 km2), dementsprechend gilt es, die Standorte der Fallen sorgfältig auszuwählen.

Die Haupt-Fangzeit ist in den Monaten März und April. In dieser Zeit sind die Chancen am besten einen Wolf zu fangen, weil sich jetzt neben den Eltern noch die meisten der Jungtiere im Rudel aufhalten und diese groß genug sind, um ihnen ein Sendehalsband anzulegen. Je nachdem wie lange der Winter andauert kann sich die Fangzeit bis in den Mai hinein ziehen. Ausnahmsweise können einzelne Fangversuche auch zu anderen Jahreszeiten erfolgen.

Wie wird gefangen?

Zum Einsatz kommen gepolsterte Fußfallen, sogenannte Soft Catch Traps, die das Tier an der Pfote festhalten aber nicht verletzen, sodass das Tier wieder unbeschadet in die Natur entlassen werden kann. Diese Fußfallen wurden eigens für den unversehrten Fang von Tieren für Forschungsprojekte entwickelt und nach dem AIHTS zertifiziert (Agreement of International Humane Trapping Standards; dt.: Abkommen zu internationalen Standards für eine humane Fallenjagd). Die Fallen sind mit Fallensendern versehen, welche den Wolfsforschern ein Signal geben, sobald eine Falle ausgelöst wurde. Dies ermöglicht, dass das Tier nur kurzfristig in der Falle festgehalten (i.d.R. weniger als eine Stunde) und der Stress für das Tier soweit wie möglich minimiert wird.

Um weitestgehend zu verhindern, dass andere Tiere in die Falle gehen, wird zum Beispiel der Auslösedruck auf das Gewicht eines Wolfes eingestellt. Gelangen trotz der Sicherungsmaßnahmen dennoch andere Tiere wie Fuchs, Dachs oder Waschbär in die Falle, wird ebenfalls das Signal ausgelöst und auch diese Tiere werden in der Regel unbeschadet wieder freigelassen.

Sobald der Fallenalarm ausgelöst wird, machen sich die Wildbiologinnen sofort auf den Weg. Wurde ein Wolf gefangen, wird dieser betäubt und vermessen. Die Untersuchung liefert Informationen zu Geschlecht, Größe, Gewicht, Alter und Gesundheitszustand des Tieres. Die Forscher nehmen auch Proben für genetische Untersuchungen.  Der Wolf wird mit einem Wildtiertransponder (Microchip) und  einem Sendehalsband versehen. Nach ca. einer Stunde beginnt das Tier wieder aufzuwachen. Je nach Situation wird der Wolf entweder an eine geschützte Stelle in den Wald oder bis zum vollständigen Aufwachen in eine Aufwachkiste gelegt. Letzteres kann erforderlich sein, wenn die Gefahr besteht, dass das Tier zum Beispiel auf eine nahe gelegene Straße läuft.

Datenauswertung

Die Halsbandsender können frei programmiert werden, wie oft sie sich (also den Aufenthaltsort des Tieres) orten. Bei GPS-GSM-Sendern werden die Ortungsdaten (Lokationen) zunächst im Halsband gespeichert und dann als SMS über das GSM-Netz an ein Modem im Büro der Wildbiologinnen geschickt. Sogenannte Iridium-Sender verschicken ihre Daten dagegen über einen Satelliten.

Anhand der Lokationen, die an das Büro gesendet werden, können die Forscherinnen auf einer Karte nachvollziehen wo die Wölfe gewesen sind. Die gelieferten Daten liegen immer mehrere Stunden zurück, sodass man nie weiß wo sich die Wölfe aktuell aufhalten.

Liegen genügend Ortungsdaten vor, lassen sich die Lage und Größe der von den Wölfen genutzten Gebiete ermitteln. Verbindet man die  äußeren Ortungsdaten, erhält man das sogenannte 100% Minimum Convex Polygon (MCP100). Entfernt man von den Lokationen die 5 Prozent, die am stärksten von den anderen abweichen, ergibt sich das MCP95. Mit der Kernel-Methode kann man die Verteilung der Gebietsnutzung untersuchen. Je dunkler die Fläche, desto intensiver die Nutzung. Wichtig ist, dass die Berechnung der Streifgebietsgröße und der Nutzung, egal mit welcher Methode, nur eine modelhafte Annäherung an das Raum-Zeit-Verhaltens der Tiere ist und eine stark vereinfachte Abbildung der Wirklichkeit.  

Unter Streifgebiet versteht man die Fläche, die von noch nicht territorialen, also „nicht-sesshaften“ Wölfen genutzt wird. Einige Jungwölfe unternehmen zum Beispiel vor ihrer eigentlichen Abwanderung vom elterlichen Territorium immer wieder Ausflüge in Nachbarterritorien. Ihr Streifgebiet ist dann größer als ihr Elternterritorium.

Ein Territorium ist per Definition ein Gebiet, welches ein Wolf besetzt und gegen andere Wölfe verteidigt. Bei erwachsenen Wölfen entspricht das Territorium ihrem Streifgebiet, die Grenzen des Territoriums werden nur selten überschritten. Allerdings sind Wolfsterritorien auch nicht statisch, sondern können sich verschieben. Oft ändert sich mit dem Wechsel eines Elterntieres auch die Raumnutzung innerhalb eines Territoriums, manchmal wird auch versucht, die Außengrenzen zu verschieben. Wenn ein Rudel expandiert und sein Territorium vergrößert oder verlagert, kann das eine Kettenreaktion zur Folge haben, so dass sich auch die benachbarten Territorien verschieben, etwa vergleichbar mit einer Eisscholle, die gegen eine andere stößt.

Alle gesendeten Lokationen eines Senders  

Abb.1-3: Alle gesendeten Lokationen eines Senders werden auf der Karte dargestellt. Wenn man die äußeren Lokationen verbindet erhält man das MCP100 (Abb.2). Entfernt man von den Lokationen die 5 Prozent, die am stärksten von den anderen abweichen, ergibt sich das MCP95 (Abb.3).

 

Abb. 4: Mit der Kernel-Methode kann man die Verteilung der Gebietsnutzung untersuchen. Je dunkler die Fläche, desto intensiver die Nutzung. Hier ist die Kernel-Methode und das MCP100 dargestellt.

Abb. 5: Anhand der Häufung der Lokationen lässt sich die ungefähre Lage des Territoriums des besenderten Tieres darstellen (blaues Oval). Die Darstellung ist aber immer nur eine Annäherung an die wirkliche Lage des Streifgebietes.