Kontaktbüro

12.11.2013

Revierverschiebungen und Neuetablierungen bei den besenderten Wölfen

Im Rahmen des Projektes „Wanderwolf“, einem gemeinsamen Projekt des Sächsischen Ministeriums für Umwelt und Landwirtschaft (SMUL) und der Projektgruppe „Wanderwolf“, die aus der Gesellschaft zum Schutz der Wölfe e.V. (GzSdW), dem Internationalen Tierschutz-Fonds gGmbH (IFAW), dem Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU) und dem World Wide Fund For Nature Deutschland (WWF) besteht, wurden bisher drei Wölfe besendert. Ziel des Projekts ist es Informationen über die Raumnutzung und zum Abwanderungsverhalten der Wölfe zu erheben.

Wolfsterritorien sind nicht statisch, ihre Grenzen werden immer wieder neu abgesteckt. Verschiebt ein Rudel sein Territorium, kann das eine Art Domino-Effekt auf die Reviere der benachbarten Wolfsfamilien haben.

In Gebieten mit flächendeckender Wolfsverbreitung ist das Zusammenspiel verschiedener Monitoringmethoden, wie Suche nach Anwesenheitshinweisen (Spuren- und Kotsuche, Fotofallen, Risse), genetischen Untersuchungen und Telemetrie notwendig, um nicht nur die Anwesenheit von Wölfen nachzuweisen, sondern auch festzustellen, wie viele Wolfsfamilien in einem Gebiet leben. All diese Methoden liefern einzelne Puzzleteile, die jedes Jahr aufs Neue zusammengesetzt werden müssen, um ein möglichst vollständiges Bild der Populationsentwicklung zu erhalten. Die Telemetrie-Daten der besenderten Wölfe lieferten nun zeitnah aufschlussreiche Informationen über Verschiebungen einzelner Rudelterritorien.

Die junge Wölfin „Marie“ (FT7) aus dem Milkeler Wolfsrudel, welche im Mai 2012 besendert wurde, hielt sich noch bis Juni 2013 in ihrem Geburtsterritorium auf. Erst im Alter von 26 Monaten verlies sie dieses und etablierte  im Bereich zwischen Königswartha und der Königsbrücker Heide (Raum Rosenthal) ein eigenes Revier. Noch ist ihr Status (Rudel, Paar, residenter Einzelwolf) unklar. Fotofallenaufnahmen (selbst auslösende Kameras) legen nahe, dass sie von einem zweiten Wolf begleitet wird. „Marie“ hat im Mai diesen Jahres, noch im elterlichen Territorium, Welpen geworfen. Ob diese überlebt haben, ist bisher unklar. Bisher gibt es keine Bestätigung für die Anwesenheit von Welpen in dem neuen Rosenthaler Territorium (RT siehe Karte). In der Nacht vom 01. auf den 02. November verlor die Wölfin ihr Halsband. Ein Materialfehler hatte zum vorzeitigen Ablösen geführt. Das daraufhin ausgelöste Signal veranlasste die Wolfsforscherinnen von LUPUS zur Nachsuche, wobei das Halsband geborgen werden konnte. Vom 01.07.2013 bis zum 01.11.2013 nutzte „Marie“ ein 520 km² (MCP100*) bzw. 311 km² (MCP95**) großes Gebiet.

Die im Mai 2013 besenderte Wölfin “Greta“ (FT8), die Fähe des Nieskyer Rudels, nutzte bisher schwerpunktmäßig die Flächen nördlich von Niesky, wo sie dieses Jahr mindestens vier Welpen aufgezogen hat. Ihr Territorium erstreckt sich von der Südkante des Truppenübungsplatzes Oberlausitz im Norden bis etwa nach Görlitz im Süden. Auch die Königshainer Berge, südlich der A4, gehören zum Nieskyer Territorium. Da die Autobahn A4 im Bereich der Königshainer Berge über mehrere Kilometer durch einen Tunnel führt, stellt sie in diesem Gebiet für Wildtiere kein Hindernis dar. Die Telemetriedaten haben zudem gezeigt, dass das Nieskyer Rudel die Krebaer Heide nun für sich beansprucht. Dieses Gebiet gehörte jahrelang zum Territorium des Nochtener Rudels. Dagegen scheint der Biehainer Forst östlich von Niesky nicht zum Nieskyer Territorium zu gehören. Die hier im Winter eingesammelten Genetikproben konnten den Rüden des polnischen Ruszow-Rudels zugeordnet werden, welches somit grenzübergreifend aktiv ist. Insgesamt hat das Territorium des Nieskyer Rudels bisher eine Nord-Süd-Ausdehnung von 29 km und ist 388 km² (MCP100*) bzw. 212 km² (MCP95**) groß.

Die zweite im Mai 2013 besenderte Fähe „Frieda“ (FT9) ist ein Nachkomme aus dem Daubaner Rudel, was nun die genetische Untersuchung ergeben hat. Sie hat nach dem Tod ihrer Mutter im Januar 2012 zusammen mit einem jungen Rüden, dessen Herkunft noch ungeklärt ist, das elterliche Territorium übernommen. Auch das Gebiet des Daubaner Rudels hat sich verschoben, was durch die Besenderung der Fähe deutlich wurde. Im Süden wurde das Daubaner Territorium durch die Neugründung des Kollmer Rudels (siehe MT5) beschnitten. Dafür erweiterten die Daubaner Wölfe ihr Territorium nach Norden und Westen. Im Norden nutzen sie nun Gebiete des Nochtener Rudels. Im Westen drang „Frieda“ bis nach Königswartha in den Südteil des Milkeler Territoriums vor. Hier waren „Marie“ und „Frieda“ einige Zeit abwechselnd unterwegs. Seit September war „Frieda“ jedoch nicht mehr in der Region, sodass vermutlich „Marie“ dieses Gebiet für sich beanspruchen konnte.

„Frieda“ zieht dieses Jahr mindestens drei Welpen auf und nutzte bisher ein Gebiet von 358 km² (MCP100*) bzw. 249 km² (MCP95**).

Ohne die Telemetrie-Daten hätten die Forscherinnen von den Verschiebungen der Nieskyer und Daubaner Wolfsterritorien, sowie die Neu-etablierung des Kollmer Rudels nicht oder erst sehr viel später erfahren. Alle diese Gebiete waren bereits Teil des einen oder anderen Wolfsterritoriums, sodass die Anwesenheit von Wölfen in den Gebieten nichts Neues war. Erst über genetische Untersuchungen hätte man vielleicht Hinweise darauf bekommen, dass in diesen Gebieten andere als die bisher bekannten Tiere unterwegs sind.

Mehr Informationen zu dem Projekt erhalten Sie hier.

 

Besenderter Wolf „Timo“ (MT5) gründete das Kollmer Rudel

Der besenderte Wolf „Timo“ (MT5), ein männlicher Jungwolf aus dem Nochtener Rudel, hält sich seit Anfang des Jahres überwiegend im Gebiet der Hohen Dubrau auf. Fotofallenaufnahmen aus dem Sommer zeigen, dass er eine eigene Familie gegründet hat und dieses Jahr mindestens einen Welpen aufzieht. Die neue Wolfsfamilie erhielt die Bezeichnung „Kollmer Rudel“ (KO siehe Karte).

Das von ihm seit dem 01.01.2013 genutzte Gebiet, ohne seinem Ausflug in den Daubaner Wald im März, ist mit 99 km² (MCP 100*) das Kleinste der bisher untersuchten Wolfsterritorien in Deutschland.

MT5 ist nicht im Rahmen der AG „Wanderwolf“ besendert worden. Der Wolf war nach einem Verkehrsunfall Anfang Dezember 2011 verletzt eingefangen, tierärztlich behandelt und am 7. Januar 2012 mit Halsbandsender wieder freigelassen worden (Kontaktbüro berichtete).

 

* MCP100 = die durch die Verbindung der äußeren Lokationen entstandene Fläche.

** MCP95 = die durch die Verbindung der äußeren Lokationen entstandene Fläche, ohne die die 5 Prozent, die am stärksten von den anderen Lokationen abweichen

Abb. 1: Die Häufung der aktuellen Lokationen (Kernels) der besenderten Wölfe und die ungefähre Lage der jetzigen Territorien. Je dunkler der Kernel-Bereich, desto häufiger haben dort Lokationen stattgefunden.